Interview mit dem Designer Minouvo Samuel (alias Coco)

Minouvo Samuel (alias Coco) ist in Durlach-Aue, einem Stadtteil in Karlsruhe, aufgewachsen. Sein Vater kommt aus Cotonou, einer Stadt im westafrikanischen Benin. Seine Mutter ist Deutsche und kommt aus der Nähe von Freiburg. Er besuchte die Europäische Schule in Karlsruhe und machte dort sein Abitur. Anschließend hat er an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim Industriedesign studiert und seinen Bachelor gemacht. Aktuell ist er gerade dabei, sein Masterstudium in Transformation Design an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig abzuschließen. Im Folgenden erzählt er uns etwas über seine Beweggründe für ein Designstudium, über Herausforderungen in seinem Werdegang und über seine Begeisterung für die Graffiti-Kunst.

Hallo Coco. Erzähle uns bitte einmal, warum du dich für das Designstudium entschieden hast.

Das ist eine komplizierte Geschichte, weil ich vom Graffiti herkomme und damals wusste ich genauso wenig wie meine Eltern, was da alles mit Gestaltung geht und wie man das anpackt. Die meisten Leute haben mir geraten, dass ich ein Grafikdesignstudium machen soll, weil ich eben vom Graffiti komme. Also habe ich mich direkt bei der Hochschule in Karlsruhe beworben und zwei Mappenkurse besucht, da man sich mit einer Mappe bewerben musste. Für ein Designstudium ist es üblich, dass man für die Bewerbung viele eigene Zeichnungen macht. Das war gar nicht so einfach wie man denkt, vor allem, weil ich mich breit aufgestellt habe. Ich musste mich mit allem auseinandersetzen, da ich nicht gleich auf eine Sache fokussiert war. Auf die Hochschule für Gestaltung in Pforzheim bin ich gekommen, weil ich mal dort war und mir das angeschaut habe. Ich fand das schon echt cool, was da so abging.

Und womit genau hast du dich während deines Studiums beschäftigt?

Industriedesign ist klassisches Produktdesign. Das heißt man entwickelt ein Produkt, das in Massen produziert werden kann. Das Coole daran ist, dass dein Produkt günstig angeboten werden kann und viele darauf zugreifen können. Mittlerweile leben wir aber in einer Zeit, in der einfach zu viel und zu umweltverschmutzend produziert wird. Mir wurde klar, dass diese Entwicklung durch Designerinnen und Designer stark angetrieben wird. Deshalb habe ich mit dem Masterstudiengang Transformation Design begonnen. Beim Transformation Design geht es weniger um das einzelne Produkt, sondern darum, ökologisch und nachhaltig zu denken sowie unsere Umwelt und das soziale Miteinander im Blick zu nehmen. Es geht um das ganze Ökosystem um das Produkt herum. Mit dem Industriedesign als Grundlage habe ich versucht, diesen Schwerpunkt bei der praktischen Umsetzung zu bedenken. So habe ich mich z.B. in die Materie der nachhaltigen Materialien hineingearbeitet. Das Zeichnen und das Entwickeln von Produkten bleibt eine große Leidenschaft von mir. Ich möchte diese Leidenschaft mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit verbinden und somit eine neue Art und Weise, Design zu denken und zu gestalten, entwickeln.   

© HBK Braunschweig | Samuel Zonon

Was waren die größten Herausforderungen in deinem Werdegang und wie hast du diese gemeistert?

Schwierigkeiten waren eher darin zu sehen, meinen Weg nach der Schulzeit zu finden. Ich habe Graffiti gemacht und das ist ja alles schön und gut, aber da ich mich mit Sachen wie Design nicht so auskannte, war es gar nicht so einfach da durchzublicken und in diese Richtung zu gehen. Das Studium an sich war für mich nicht schwer. Ich musste aber lernen alles zu geben. Wochenlange Projekte bis in die Nacht hinein. Das darf man nicht unterschätzen. Ich hatte mit vielen Design-Studierenden zu tun und da bekommt man z.B. im Bereich Modedesign schon mit, wie viel geleistet werden muss, um auf die Ergebnisse zu kommen. Da herrschte dieser Konkurrenzkampf, bei dem ich nie versucht habe, mitzumischen. Ich habe meine eigene Geschwindigkeit und meinen eigenen Kopf. Natürlich ist das Studium nicht einfach, da du Motivation aufbringen und dich mit der Thematik auseinandersetzen musst. Zwar gehört auch etwas Talent dazu, aber viel wichtiger ist es, motiviert sein und die Dinge zu machen, denn von nichts kommt nichts.

Was würdest du denjenigen raten die überlegen, ein Designstudium anzufangen?

Ich weiß nicht, ob ich pauschal irgendjemanden raten würde, Industriedesign zu studieren. Zwar glaube ich, dass der Nachhaltigkeitsaspekt heutzutage einen immer größeren Anteil am Design einnimmt und früher überhaupt kein Thema war. Es besteht aber die Gefahr, dass man als Designerin oder Designer irgendwelche Produkte ohne Sinn und nur für das schnelle Geld entwickelt und dadurch die Umwelt belastet. Das ist gefährlich und wir wissen alle, dass es nicht gut ist. Da haben Designerinnen und Designer eine Verantwortung. Gerade sie können mithilfe ihrer Fähigkeiten Produkte so gestalten, dass sie umweltfreundlicher und für den Menschen verträglicher sind.

Du hast erwähnt, dass du früher Graffiti-Kunst gemacht hast. Welche Rolle spielt bei dir die Graffiti-Kunst heute noch?

Das mit dem Graffiti habe ich zum Glück so hinbekommen, dass es im Hintergrund immer weiterlaufen kann. Graffiti ist praktisch meine Root und die darf ich nicht komplett vernachlässigen. So war das Graffiti-Projekt bei uns in Durlach-Aue ein sehr schönes und großes Projekt. Es ging darum, die Turnhalle der Oberwaldschule neu zu gestalten. Der Knackpunkt war, dass an den Außenwänden einige Schmierereien und vor allem auch Beleidigungen standen. Das ist echt nicht schön für die Kinder. Ich denke wir haben die Wand aufgewertet und dabei auch versucht eine Message zu vermitteln. Unsere Message war einfach, dass wir für Multikulti, für ein gemeinsames Miteinander und für Frieden stehen. Es ging mir nicht nur darum, Graffiti zu machen. Es ging auch darum den Kindern zu zeigen, dass wir als Kleinkinder auch mal da waren, wo sie jetzt sind. Das fanden die echt cool. Ein Junge hat mal gemeint, dass er gar nicht wusste, dass es so krasse Leute vor Ort gibt. Ich denke solche Projekte haben einfach viel mehr Potenzial. Damit meine ich den sozialen Aspekt dahinter und das was man dadurch vermitteln kann.  

Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft vor?

Das steht noch nicht fest. Mit dem Industriedesign und der Verbindung mit der Nachhaltigkeit habe ich mich gut aufgestellt. Momentan versuche ich ein kleines ökologisches Modelabel namens “Cormo 1990” aufzubauen. Ich möchte den Wert darauflegen, dass ich ein cooles Produkt habe, das in der Hip-Hop Thematik verankert ist und nicht nur darauf, dass ich ein grünes Produkt habe. Gerade die Jugendlichen sollen etwas damit anfangen können. Der Hip-Hop ist zurzeit zu kapitalistisch aufgestellt. Ich möchte aufzeigen, dass man den Hip-Hop auch in die soziale, ökologische und nachhaltige Richtung transformieren kann. Da ich Designer bin, versuche ich das über dieses Modelabel in Angriff zu nehmen. Auf der anderen Seite bin ich sozialen Projekten mit Kindern und Jugendlichen, wie dem Projekt in Durlach-Aue, nicht abgeneigt.  

Danke für das Interview Coco und danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast.

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