Bildersturm & Black Lives Matter: Wie überwindet man eine belastete Vergangenheit?

Ein Gastbeitrag von Kalieb J.

George Floyd Projektion, Richmond, Virginia, 2020 © Kris Graves / Kris Graves

Mit dem ersten Gedenktag des in Minneapolis durch Polizeigewalt ermordeten George Floyds, jähren sich auch die in der Folge entstandenen Proteste gegen strukturellen Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit in westlichen Gesellschaften weltweit. Neben der lautstarken Kritik an politischen Institutionen ist der Eindruck entstanden, dass viele Denkmäler heutigen Werten nicht mehr gerecht werden können. Wie können wir mit diesem Erbe heute umgehen? Blicken wir zurück auf die Ereignisse, die im vergangenen Jahr unter anderem im amerikanischen Richmond stattfanden, um dieser Frage nachzugehen.

Im amerikanischen Richmond, der ehemaligen Hauptstadt der kurzweiligen Konföderierten Staaten von Amerika (1861–1865), wie auch in vielen anderen Städten des anglosächsischen Raumes und weltweit, sind im Zuge der George Floyd Proteste Denkmäler historischer Personen an zentralen Orten in den Fokus geraten. Die meisten dieser Monumente waren bereits vor der weltweiten Protestwelle umstritten und ihre Präsenz im städtischen Raum von Teilen der jeweiligen Stadtgemeinde nicht akzeptiert. Eine Reihe der geehrten Männer, gegen die sich der Protest richtet, wie der Konföderierten – General Robert E. Lee oder der britische Kaufmann Edward Colston, trugen zu Lebzeiten maßgeblich zum rassistischen Sklavenhandel bei, profitierten von dessen Struktur oder setzten sich gegen dessen Abschaffung ein. Entgegen diesen Tatsachen, wurden in der Vergangenheit Narrative von städtischen Wohltätern und Patrioten konstruiert und die Persönlichkeiten in Form von Denkmälern an zentralen Plätzen gewürdigt.

Im Zusammenhang mit den Demonstrationen des vergangenen Jahres, ist eine wieder aufgekommene, in der Historie nicht unbekannte, Form des zielgerichteten Gewaltaktes zu beobachten. Die Rede ist vom sogenannten politischen Ikonoklasmus. Der Begriff leitet sich aus den altgriechischen Begriffen eikón für „Bild, Abbild“ und kláo für „zerbrechen“ ab und wird auch als Bildersturm bezeichnet. Historiker unterscheiden zwischen einem politischen und einem religiösen Motiv einer ikonoklastischen Handlung. In der Vergangenheit wurden oftmals politische Herrschaftssymbole gestürzter Regime zu Fall gebracht. Im Unterschied dazu, dient er in der jüngeren Vergangenheit immer mehr als eine medienwirksame Ausdrucksform kollektiven Zorns gegenüber gesellschaftlichen Missständen. Dieser wird an einem gewählten Feindbild entladen, welches vormals in Bronze gegossen oder in Stein gehauen wurde. 

Kritiker des Bildersturms setzen sich in der Regel für den Erhalt der Statuen an Ort und Stelle ein und betrachten das Vorgehen als Versuch Geschichte umzuschreiben. Die zuständigen Behörden sehen sich mit Vandalismus und teils vollendeten Tatsachen konfrontiert, welche in Eigenregie und ohne einer Verständigung mit ihnen durchgeführt wurden. Zeichen, die zuvor das Stadtbild prägten, finden sich nun vandalisiert, vom Sockel gerissen und auch in Flüsse versenkt vor. Ganz konkret wird die Legitimation des Bildersturms, beispielsweise bei der Statue Robert E. Lees in Richmond, in Frage gestellt. Eine wichtige Perspektive auf diese Debatte bietet sich, wenn man sich vor Augen führt, mit welchen Absichten das Monument seiner Zeit aufgestellt und feierlich enthüllt wurde. Zwanzig Jahre nachdem der beliebte militärische Stratege der Sezessionskriege verstarb, widmete die Stadtgesellschaft Richmonds dem General das zu jener Zeit größte Denkmal der Stadt. In seinem Buch “Ghosts of the Confederacy” von 1987 beschreibt der Autor Gaines Foster, dass Robert E. Lee trotz des Scheiterns der Konföderierten Staaten unter Mithilfe des damaligen Gouverneurs als Kriegsheld verehrt wurde. Es lässt sich feststellen, dass die Würdigung einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit von offizieller Seite nicht unterbunden, sondern aktiv gefördert wurde. Dieser Ambivalenz stehen die heutigen Aktivisten innerhalb der Protestbewegung mit einer klaren Haltung entgegen und stellen die Daseinsberechtigung dieser Monumente in Frage. Die Empörung der BLM-Bewegung in Richmond setzte die politischen Repräsentanten der Stadt unter Druck und erzwang einmal mehr deren Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe. In der Folge wurde die Monument Avenue der Stadt großzügig umgestaltet. Alle Bronzestatuen, die Konföderierten-Akteure darstellen, wurden abgebaut – bis auf die dominierende Statue Robert E. Lee‘s. Deren Abbau wird von nicht abgeschlossenen juristischen Verfahren aufgehalten. Der amtierende Gouverneur des Staates Virginia Ralph Northam setzte sich im letzten Jahr für die Absetzung dieser letzten Statue ein und schilderte seine Motivation wie folgt:

„When a young child looks up and sees something that big and prominent, she knows that it’s important. And when it’s the biggest thing around, it sends a clear message: This is what we value the most. But that’s just not true anymore.“

Junge Familie während einer BLM Demonstration © unsplash / Jakob Rosen

Transformation eines historischen Platzes

Ungeachtet der lautstarken Forderungen der BLM Bewegung, die Statue als Zeichen fortbestehender Ungerechtigkeit zu entfernen, hat sich längst ein zuversichtliches Eigenleben um den Sockel des Denkmals herum entwickelt. Der Sockel des Monuments mit den farbenfrohen, wenn auch teils vulgären, Graffiti-Tags, dient Kunstschaffenden sowie Aktivistinnen und Aktivisten als Kulisse für unterschiedliche Protestaktionen. Ein provisorisches Basketballfeld lädt junge Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner dazu ein, sich länger am Monument aufzuhalten. So wird am Ort, in dem einst dem Niedergang der rassistisch ausgerichteten Konföderierten Staaten nachgetrauert wurde, zeitgenössische amerikanische Kultur mit ihren afroamerikanischen Einflüssen gefeiert.

Denkmäler der Vergangenheit vermitteln uns, dass bestimmte Ansichten eine ewig währende Gültigkeit besäßen. Am Robert E. Lee Monument in Richmond zeigt sich, dass jede folgende Generation diesen Anspruch neu verhandeln kann. Nicht nur der gewaltsame Bildersturm, sondern auch die Wandlung des Ortes, der nun von Aktivistinnen und Aktivisten der BLM- Community bespielt wird, zeichnet die Ereignisse des letzten Jahres in Richmond aus. Dieser positive Umgang mit dem belastenden Erbe, zeigt neue Wege zur fortwährenden Aufarbeitung des strukturellen Rassismus in den USA und weltweit auf. Mit der gewonnenen Aufmerksamkeit, konnten die politischen Repräsentanten der Stadt in die Verantwortung gezogen werden, Forderungen der BLM-Bewegung nachzukommen und eine klare Haltung einzunehmen. Nach den schockierenden Bildern tödlicher Polizeigewalt, ist es in der Folge der Protestwellen in Richmond gelungen, Positivität und Zuversicht zu vermitteln. Durch die vielschichtigen Aktionen rund um das Monument, unter Einsatz der sozialen Medien, fand im kollektiven Gedächtnis der USA eine Art Umdeutung des Ortes statt, auch wenn sich die Bronzestatue immer noch auf dem Sockel befindet.

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